Hörsaalgetuschel – Ausgabe 136.

Die Sache mit den Gefühlen

„Weißt du, ich kann irgendwie verstehen, dass du für Tina schwärmst.“

„Aber das tu ich doch überhaupt nicht? …“

„Nein, ich mein es ernst. Sie ist wirklich eine beeindruckende Frau. Ich weiß nicht, wie ich an ihrer Stelle handeln würde. Das Kind zu behalten, obwohl ihre Familie ihr deswegen wohl die Hölle heißmachen wird und der Vater über alle Berge ist. Hast du mitbekommen, dass nicht einmal seine Eltern etwas wissen?“

„Es war schwer, das nicht mit zu bekommen. Trotzdem will ich nichts von …“

„Und sich dann trotzdem dafür zu entscheiden, alles für das Kind zu tun. Findest du nicht auch, dass das unglaublich viel Kraft und Mut erfordert?“

„Natürlich braucht es das. Aber sie hat sich das so ausgesucht jetzt, also wird sie es wohl auch schaffen. Du kennst sie ja auch. Sie denkt sehr rational, da entscheidet man sich nicht blindlings für Sachen, die man nicht bewältigen kann.“

Erik saß auf dem Sofa und hatte sich eigentlich nur von einer Serie berieseln lassen wollen. Ein Team von Ermittlern war gerade dabei, einen generischen und völlig schnöden Mordfall auf möglichst actionreiche Art zu lösen. Mia hatte sich neben ihn gelegt, den Kopf auf seinem Schoß abgelegt und in einem Buch geblättert, bis sie irgendwann nur noch nachdenklich auf einen Punkt irgendwo hinter der aktuellen Seite gestarrt hatte, und dieses Gespräch begonnen hatte. Jetzt sah sie mit einem ebenso vielsagenden wie nichtssagenden Blick zu ihm auf und startete einen neuen Versuch, ihm eine verfängliche Reaktion zu entlocken.

„Darum passt ihr also so gut zusammen. Beides Kopfmenschen, die lieber alles rational durchdenken, statt emotional zu handeln.“

„Du bist doch auch ein absoluter Kopfmensch. Nur das mit dem rational sein musst du noch etwas üben. Und würdest du mir nun bitte einmal erklären, wieso du mir jetzt etwas anhängen willst?“

„Will ich doch überhaupt nicht, wieso fauchst du mich hier denn so an? Es ist halt nur offensichtlich, dass du sie sehr gerne hast. Also wieso traust du dich nicht, dazu zu stehen? Was stimmt nicht mit ihr? Ich finde, sie ist doch eigentlich eine echt tolle Frau.“

„Ja, das ist sie wohl. Schließlich ist sie ja auch eine gute Freundin, aber halt nicht mehr. Abgesehen davon liebe ich doch schon dich.“

Mit diesen Worten beugte er sich runter und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Es stimmte, er liebte sie, dennoch fühlte es sich im Augenblick einfach falsch an. Da war etwas, was an ihm nagte und ihm die ganze Situation verlogen und heuchlerisch erscheinen ließ. Wieso war das auf einmal so? Er hatte nie erwartet, dass es bleiben würde, wie damals, als sie sich kennengelernt hatten. Oder als sie später dann zusammengekommen waren. Er erinnerte sich noch sehr gerne an das Gefühl damals, an das flattrige Kribbeln bei jedem Blick und das knallbunte Nervenfeuerwerk bei jeder noch so kleinen Berührung. Er erinnerte sich noch an das Strahlen in ihren Augen, dieses helle Leuchten bei jedem sanften Wort. Dieses Glimmen, welches er bereits so lange vermisste. Er hatte es immer für ein Opfer des Alltags gehalten. Und das nach gerade einmal zweieinhalb Jahren.

„Danke, das hast du sehr schön gesagt.“

Sie lächelte zu ihm hinauf und machte es damit nur noch schlimmer. Jetzt fühlte er sich auch noch schuldig und konnte nicht einmal sagen, weswegen genau.

„Ich glaube dir trotzdem irgendwie nicht, dass du nicht auch ein bisschen scharf auf sie bist. Immerhin musst du zugeben, dass sie echt schöne Kurven hat.“

Sie zwinkerte ihm keck zu und wandte sich kichern wieder ihrem Buch zu, als er nur den Kopf schüttelte.

Zweieinhalb Jahre. Irgendwie fühlte es sich gerade so viel länger an. Vor seinem inneren Auge sah er eine zerbrechliche filigrane Vase, die in einem Museum auf einem Sockel stand, hell ausgeleuchtet und kunstvoll bemalt. Dunkle Ränder markierten die Stellen, an denen das weiße Porzellan geklebt worden war, und es waren viele Stellen. Gefüllt war die Vase einmal mit reiner Liebe gewesen, doch durch verletzende Risse und Vertrauensbrüche sickerte sie hinaus. Vielleicht müsste man die Vase reparieren oder die Liebe nachfüllen. Aber wenn diese Vase wirklich ihre Beziehung darstellen sollte, dann müssten sie das gemeinsam tun.

Früher hatte Mia sich nie besonders darum gekümmert, an ihrem Verhältnis zu arbeiten. Am Anfang war es noch anders gewesen, da hatte sie ihm häufig gezeigt, wie wichtig er ihr war. Doch irgendwann hatte das nachgelassen. Sie hatte erkannt, dass er sie nicht verlassen konnte, selbst wenn er gewollt hätte. Sie hatte ihn sauber auf ihre Person geprägt und er war selbstverständlich geworden. Erst spät hatte sie erkannt, dass es ein Fehler gewesen war, und hatte sich mehr um ihn bemüht. Vielleicht hatte er ja deswegen ein so schlechtes Gewissen, nicht die Kraft zu haben, mit ihr gemeinsam an der Vase zu arbeiten. Klar, er hatte lange Zeit alleine an der Beziehung gearbeitet und viel Kraft darin versenkt. Vielleicht wäre es nur fair, wenn jetzt auch sie einmal eine solche Situation erfuhr. Aber war das wirklich fair ihr gegenüber?

Selbst wenn, er war sich nicht sicher, ob das aufregende Feuerwerk wieder kommen konnte. Abende wie dieser, wo sie einfach zu zweit auf dem Sofa sitzen konnten, waren selten geworden. Mia hatte Tina gewissermaßen adoptiert und brachte sie regelmäßig zum Abendessen mit. Anfangs hatte Erik sich noch darüber gefreut, dass die zwei Mädels sich nun doch so gut verstanden, aber er hatte auch feststellen müssen, dass er selbst sich seitdem immer mehr wie ein Haustier als wie ein Partner fühlte. Lohnte es sich da überhaupt noch, an der Beziehung zu arbeiten, oder tat sie ihm nur noch schlecht? Mia bekam von all diesen Gedanken nichts mit. Sie starrte nur auf ihr Buch und hing eigenen Gedanken und Träumen nach. Erik spielte darin zwar eine Rolle, aber sie bemerkte selbst nicht, dass sie ihn dort nicht mehr als ihren Partner sah.

DSCF2886

Advertisements

5 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 136.

      1. Stella, oh, Stella

        Ich weiss nicht, ob ich das Schicksal dafür verantwortlichen machen würde … 😉
        Ich finde die meisten Probleme entstehen, weil man einfach nicht offen miteinander redet, nicht sagt, was man wirklich denkt. Reine Zeitverschwendung … ich weiss immer gerne woran ich bin. Anderen Leuten ist das manchmal zu direkt, aber auf der anderen Seite sie wissen immer wo sie mich haben.

        Gefällt 1 Person

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s