Hörsaalgetuschel – Ausgabe 119.

Die Badezimmerchroniken Teil 11

Erik hatte Mias Wunsch befolgt und sie waren bei seiner Familie geblieben. Fast zwei Wochen lang gab es einen Mix aus Hausarbeiten für die Uni schreiben und Tagestouren in die Umgebung, spazieren gehen oder einzelne Sehenswürdigkeiten besuchen. Vormittags herumärgern mit Programmen, die nicht so funktionierten, wie man es sich wünschte, nachmittags dann hinaufklettern zur alten Burg über der Stadt, und den Sonnenuntergang genießen.

Aber auch wenn Mia es wie Urlaub in vollen Zügen genoss, irgendwann zog es Erik dann doch wieder in seine eigene Wohnung, mit dem eigenen Bett, dem eigenen Schreibtisch und nicht mehr seinem, inzwischen zum Gästezimmer umgeräumten, Jugendzimmer. Der Fall, den er fast für unmöglich gehalten hatte, war eingetreten. Er hatte die gemeinsame Wohnung tatsächlich als sein Zuhause akzeptiert. Es war ihm nicht einmal aufgefallen, bis er jetzt daraus ausgesperrt war.

Und so kam der Freitag, an dem er seine Taschen gepackt hatte, um gemeinsam mit Mia wieder zurückzufahren. Unabhängig davon hatte die Vermieterin am Vorabend noch einmal angerufen, um sich zu erkundigen, ob sie stören würde, wenn sie noch einmal schnell durch wischen würde und sie bedankte sich noch einmal ausschweifend für die unglaubliche Geduld. Es wäre schon wieder so dreckig, aber wenigstens wären die Handwerker so weit durch jetzt, es fehlten nur noch Kleinigkeiten. Fußleisten zum Beispiel und es müsste noch gestrichen werden. Sie wiederholte auch ihr Angebot, Bettwäsche und Tischdecke zu waschen und Erik blieb dabei, es war nett gemeint aber absolut nicht notwendig.

Später am Tag klapperte zunächst die Haustüre und Erik sah sich etwas ängstlich um Hausflur vor der Wohnung um. Er hatte noch das schreckliche Chaos von vor zwei Wochen in Erinnerung, als alles mit Baumaterialien und Dreck voll stand. Die Nachbarn taten ihm immer noch leid, aber es war keine Beschwerden bei ihm angekommen. Man konnte zwar sehen, dass in der Zwischenzeit jemand mit einem feuchten Mopp durchgewischt hatte, dennoch war deutlich eine Vielzahl von staubigen Schuhabdrücken zu erkennen. Es würde seine Zeit brauchen, bis die verschwanden.

In der Wohnung war der Boden zwar ausgelegt worden, trotzdem erwartete er ein sehr ähnliches Bild. Was ihm aber zunächst auffiel, als er die Tür öffnete, war der Blick geradeaus. Anstelle der Klotüre, wie bisher, sah man nun auf eine geschlossene weiße Wand. Halb hinter der Ecke lugte die Badezimmertür hervor, sie war nur lose angelehnt. Kein knirschen unter den Schuhen, als Mia und er in die Wohnung traten. Dafür ein feiner staubiger Schleier, der auf allen Oberflächen lag.

Erik hatte befürchtet, dass zwar der Rohbau jetzt abgeschlossen war, aber das Bad erst noch renoviert werden müsste. Die Fliesen waren das eine, Farbe an den Wänden und der Decke aber etwas anderes. Auch wenn die frisch zugemauerte Türe auch nicht als Rohbau vorlag, sondern sogar tapeziert und weiß gestrichen war, überraschte es ihn, als er ins Bad trat, das Licht einschaltete und es ihm gleich hell in frischem Weiß entgegen strahlte. Die Badewanne war einer geräumigen Dusche gewichen, direkt davor hing ein Heizkörper und alles in allem wirkte der Raum plötzlich viel größer. Er war positiv überrascht und nickte anerkennend.

Mia hatte ihren Rucksack noch in der Küche abgestellt und schob sich nun hinter ihm in den Raum. Ihre Mine zeigte keine Regung und ebenso wenig eine Wertung, als sie sich umsah. Es würde einiges an Umgewöhnung für sie sein, auch wenn sie nicht viel Zeit gehabt hatte, sich an den vorherigen Zustand zu gewöhnen. Mit einem verächtlichen Schnauben wischte sie über die Fliesen und hinterließ dabei eine glitzernde Spur. Auch hier lag eine feine Staubschicht überall. Und selbst wenn alles blinkend sauber gewesen wäre, hätte es ihr vermutlich an Seele für das Badezimmer gefehlt. Wenn sie schon sonst nichts daran aussetzen konnte, das schon. Eine Pflanze wäre vielleicht ideal, nur bei einem fensterlosen Raum nicht überlebensfähig. Vielleicht ja eine aus Plastik.

Inzwischen hatte auch Erik seine Taschen abgeladen. Das Bettzeug war wirklich eingestaubt, sogar schlimmer, als er befürchtet hatte. Soviel zu dem Versprechen der Handwerker, es mit einer Plane abzudecken. Aber darum sollte Mia sich kümmern. Die Waschmaschine stand sogar bereits in ihrer Ecke im Bad. Er selbst war bereits dabei einen Eimer mit warmem Wasser zu füllen und hatte Putzlappen zusammen gesammelt, noch bevor seine Freundin sich fertig umgesehen hatte.

Es dauerte eine gute Stunde, bis alles so weit sauber war, wie er es haben wollte. Und wo er schon dabei war, hatte er gleich mit dem Flur und der Küche weiter gemacht. Die Waschmaschine brummte eifrig vor sich hin und Mia rang mit Staubsauger und Teppichen. Das Bett hatte sie bereits frisch hergerichtet und war stolz auf ihre Dekoration und wie gut sie mit ihrer Lieblingsbettwäsche harmonierte. Jetzt war es an der Zeit, dass sie sich wieder hier wohlfühlen sollte. Unter ihren Bedingungen.

Draußen stürzte die Wintersonne dem Horizont entgegen, drinnen rauschte die Heizung leise aber ergiebig vor sich hin. Die Wohnung war zwar noch immer nicht so sauber, wie Erik es gerne hätte, aber mit diesem Kompromiss konnte er leben. Mia hatte unermüdlich Kisten aus dem Schrank gezogen, auf der Suche nach Mitteln, um allem wieder eine etwas persönlichere Note zu verleihen. Erik musste grinsen, als ihm der Vergleich mit einem Tier kam, was ein neues Revier markieren musste. Selbst das Küchenregal hatte sie neu sortiert und aufgeräumt, auch wenn das keine Woche vorhalten würde. Für den Moment fühlte sie sich trotzdem wohl, er hingegen etwas ausgebrannt. Es war Zeit für etwas Ruhe und Beständigkeit.

Jetzt saß sie in ihrem Sessel und beobachtete ihn mit verträumtem Blick, wie er sich frische Klamotten aus dem Schrank holte und in Richtung Bad stiefelte. Er war staubig genug geworden, als dass es ihm als Vorwand ausreichte, die Dusche einzuweihen. Eine Erinnerung geisterte durch ihren Kopf, eine Idee, die sie einmal hatte und die jäh von einer verstopften Leitung unterbrochen worden war. Sie musste grinsen. Das Plätschern von Wasser erklang durch die geschlossene Türe. Sie stand auf, zog sich den Pulli aus, warf ihn aufs Bett und schlich sich hinter Erik her ins Bad. Sie hatte eine Überraschung nachzuholen und wann wäre ein besserer Zeitpunkt dafür als dieser?

Seeon

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4 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 119.

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