Hörsaalgetuschel – Ausgabe 145.

Mia und Tina

„Was ist denn hier passiert?“

Mia war regelrecht schockiert, als sie sich in ihrer Wohnung umsah. Es war nicht sehr offensichtlich, eher ein Gefühl, dass etwas anders war, als sie zur Tür hinein gekommen war, aber etwas war los. Das Wohnzimmer und das Schlafzimmer wirkten beide deutlich aufgeräumter, als sie es vom Morgen in Erinnerung hatte. Es war heller, offener und fühlte sich leichter an. Die Räume und der Flur wirkten größer und weitläufiger. Das konnte nur eines bedeuten: es war aufgeräumt worden. Und das wiederum konnte auch nur eines bedeuten: Erik war wieder da!

Freudig lächelnd drehte Mia sich um und hüpfte in die Küche. Wenn Erik da war, dann war es nicht nur aufgeräumter, es gab auch immer etwas Leckeres zu essen. Bis zum Abendessen konnte es also nicht mehr lange hin sein. Wie wäre es zum Beispiel mit Rotkohl, Bratwürstchen und Kartoffeln? Das war sogar eines der wenigen Gerichte, die sie selbst kochen konnte. Es war ihr nur meistens zu viel Arbeit und zum Spülen war sie so oder so zu faul. Der Duft von würzigem Kohl und den herzhaften Würstchen hing ihr bereits in der Nase. Es fehlte nicht mehr viel, und sie hätte die Töpfe und Pfannen klappern hören können.

Umso ernüchternder war es, dass sie weder dampfendes Abendessen noch Erik in der Küche vorfand. Stattdessen traf sie hier die Erkenntnis, wieso die Wohnung so aufgeräumt und lichtdurchflutet wirkte. Die Pfannen konnten nicht klappern, denn sie waren nicht da. Und das war bei Weitem nicht das Einzige. Geschirr, Besteck, Gewürze, Vorräte, die Mikrowelle, Wasserkocher und noch etliches mehr waren nicht mehr da. Weg. Verschwunden! Was war hier los?

Das Klappern der Wohnungstür unterbrach ihren Gedanken. Tina kam in die Küche, die Stirn in Grübelfalten gelegt, verträumt auf einen Punkt, irgendwo im Nichts blickend. Mia holte sie zurück, indem sie ihr einen Kuss auf die Lippen drückte und dann verdutzt auf den Schlüssel in Tinas Hand sah. Den Schlüsselanhänger hatte Mia vor einem Jahr aus einem Stück Holz geschnitzt, welches sie am Fluss gefunden hatte. Erik hatte es damals als abstrakte Kunst bezeichnet und an seinen Schlüsselbund gehängt. Er war jemand, der gewisse Dinge lieber heimlich liebte, statt überschwänglich zu loben.

„Ich habe heute Flo getroffen,“ eröffnete Tina das Gespräch. „Wir waren gemeinsam in der Mensa und da hat er mir Eriks Schlüssel gegeben. Erik hat ihm wohl gesagt, ich würde ihn besser brauchen können als er, also soll ich ihn jetzt haben.“

Mia hatte in den ruhigen Minuten der letzten Tage und Wochen immer wieder ein schlechtes Gewissen gehabt. Erik hatte ein paar Male das Gespräch mit ihr gesucht, aber immer sehr schlechte Zeitpunkte abgepasst. Sie hatte ihn jedes Mal vertröstet und versprochen, drauf zurückzukommen und sich gemeldet, aber dann die Zeit nicht mehr gefunden. Gut, wenn sie ehrlich war, dann hatte sie es auch ab und an einfach vergessen, oder es erschien ihr unpassend, ihn anzurufen, während sie gerade mit Tina im Arm auf dem Sofa saß oder im Bett lag. Jetzt war ihre Wohnung leer geräumt und Tina hatte seinen Schlüssel. War Erik wirklich so weit gegangen, aus ihrer gemeinsamen Wohnung auszuziehen, ohne ihr vorher etwas davon zu sagen? Tina suchte ihren Blick mit einem sehr seltsamen Ausdruck in den Augen. Ihre Worte waren unsicher, als würde sie sich absolut unwohl in ihrer eigenen Haut fühlen und am liebsten ganz weit weg laufen.

„Mia, bin ich hier an seiner Stelle eingezogen? Ist eure Beziehung jetzt wegen mir kaputt gegangen?“

„Natürlich bist du nicht an seiner Stelle eingezogen. Du bist viel zu toll, um einfach nur der Ersatz für jemanden zu sein! Und du kannst auch nichts dafür, dass er jetzt ausgezogen ist. Da war bereits vorher ganz anderes im Argen. Wir haben schon immer Phasen gehabt, wo es mal nicht so glatt lief. Also mach du dir da keine Sorgen.“

Aber natürlich machte Tina sich wohl sorgen und sie sich selbst auch. Wie konnte er sie einfach so verlassen? Ohne Vorwarnung, ohne ein weiteres Wort? Wieso hatte er mit ihr Schluss gemacht? Überhaupt realisierte sie bei diesem Gedanken zum ersten Mal, dass sie offenbar getrennt waren. Mia und Erik, das war Geschichte. Jetzt gab es nur noch Erik oder nur noch Mia. Das konnte doch unmöglich sein! Das hier war immer noch ihre gemeinsame Wohnung, in der sie ihre gemeinsame kleine Familie hatten gründen wollen, mit Katze und später einmal Kindern.

„Nur wieso hat er einfach Schluss gemacht?“ Sie murmelte die Worte nur in ihren nicht vorhandenen Bart, und aus dem dünnen Klang ihrer Stimme sprachen Unverständnis und Verwirrung. Sie hatte es einfach nur in den Raum hinein gesprochen, ohne mit einer Antwort zu rechnen. Umso unerwarteter war es, als tatsächlich eine kam.

„Also Flo meinte, dass Erik wohl nicht einmal Schluss gemacht hat. Erik sieht es wohl so, dass er noch versucht hat, mit dir zu reden, und es irgendwie zu retten, aber du hättest ihn verlassen und wohl nur vergessen, es ihm auch zu sagen.“

Das Schlimmste an Tinas Worten war vermutlich, dass ihr absolut nichts einfallen wollte, womit sie diese Aussage widerlegen konnte. Es war weder Tina noch Erik gewesen, es war nur sie selbst gewesen. Sie war so überzeugt gewesen, dass er wieder zurückkommen würde. Jetzt stand sie in einer halb leer geräumten Wohnung, sah in die leuchtenden Augen dieser kleinen zähen Frau vor ihr, und wusste, dass sie wenigstens nicht alleine war.

2017-08-20 00.55.29

Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 145.

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