Hörsaalgetuschel – Ausgabe 59

Telefonkonferenz

Es gibt Momente, die sind ungemütlich bis unerfreulich. Wenn man den ganzen Vormittag auf ein Paket wartet etwa, und dann zufällig den Abholschein für ebendieses im Briefkasten findet, weil man angeblich nicht da war. Regelrecht ärgerlich ist es schon, wenn dann auf dem Abholschein auch noch die falsche Filiale angegeben ist. Ein wirklich unangenehmes Gefühl kann es sein, wenn man bemerkt, dass die Ex einem letzte Nacht zwischen drei und fünf Uhr betrunken einen Roman per SMS geschickt hat. Gesteigert wird dieses dann noch von dem reichlich flauen Gefühl im Bauch, wenn die bis heute Morgen noch aktuelle Freundin diese Nachrichten noch vor einem selbst liest und nun nicht mehr mit einem reden will. („Wieso hast du noch Kontakt zu dieser dämlichen Schlampe? Wieso hat die deine Nummer noch und schreibt dir?“)

Aber all dies ist ein entspannter Frühlingsabend bei strahlendem Sonnenschein im Vergleich mit einer so unscheinbaren Meldung auf dem Telefondisplay. Ob man nun gerade aus der Dusche kommt, aus der Vorlesung, aus dem Kino oder von einem gemütlichen Abend mit Freunden. Eventuell hat man nur ein kurzes Nickerchen gehalten und befindet sich noch im angenehm bräsigen Zustand des Halbschlafs.

„7 entgangene Anrufe von Mama“

Erik kratzte sich nervös am Kopf. Er kam gerade vom Sport und hatte sich auf Mia und eine heiße Dusche gefreut aber eine solche Nachricht verpasste jedem einen Dämpfer. Man ignorierte keinen Anruf von Mama, ganz egal wer man selbst oder Mama war. Und wenn es dann auch noch mehr als drei entgangene Anrufe waren, dann handelte es sich schon mindestens um eine mittelschwere Naturkatastrophe. Was musste dann erst für sieben Anrufe der Grund sein? Ein Stadtbrand? Atomkrieg? Fiel der Mond auf die Erde oder grassierte eine neue Seuche? Erik riss sich nicht darum, es heraus zu finden aber die Regeln waren klar. Man ignorierte keinen Anruf von Mama. Das war ein Naturgesetz, wie die Schwerkraft oder Massenträgheit.

Auch wenn der jüngste entgangene Anruf nur wenige Minuten zurücklag, ging zu Hause nicht gleich beim ersten Versuch jemand ans Telefon. Vielleicht brannte ja auch nur das Haus oder es war jemand gestorben. Mit etwas Glück sogar nur ein Unfall. Wer konnte das schon so genau wissen? Beim dritten Versuch nahm seine kleine Schwester auf.

„Wieso klingelst du denn hier Sturm? Was ist denn so dringend, dass es nicht bis nach dem Essen warten könnte?“ Seltsamerweise schien sie ausgesprochen überrascht von seinem Anruf zu sein.

„Das wollte ich euch fragen. Mama hat eben etliche Male versucht, mich zu erreichen. Ich wollte wissen, was los ist. Es wirkte so, als wäre es ziemlich dringend.“

„Davon weiß ich nichts. Warte, ich geb‘ sie dir mal eben.“

DSC01310Es folgte eine kurze Pause, in der man nur das Klappern von Gläsern und Geschirr und einiges Gemurmel im Hintergrund hörte. Wenigstens konnte er keinen Fernseher hören, was ein gutes Zeichen war. Eventuell konnten sie sich diese schlechte Eigenschaft doch noch abtrainieren. Die immer leicht abwesende Stimme seiner Mutter meldete sich. Sie wirkte ziemlich entspannt, dafür, dass sie ihn so dringend erreicht haben wollte.

„Du hattest versucht, mich zu erreichen. Ich war beim Sport, da habe ich nicht auf mein Telefon achten können. Was gibt es denn so Wichtiges?“

„Och, nichts, was besonders wichtig wäre. Ich wollte nur einfach noch einmal etwas von dir hören. Wir telefonieren doch so selten.“

Erik hatte nicht den Eindruck, sich besonders selten bei seiner Familie zu melden. Das letzte Gespräch lag zwei oder drei Tage zurück und es hatte keine besonderen Vorkommnisse gegeben. Offenbar war seine Mutter mit ihren Gedanken bei anderen Dingen.

„Seit vorgestern hat sich nicht wirklich viel bei mir geändert. Mia ist da, wir wollten uns gleich etwas zum Abendessen machen. Wir sind uns nur noch nicht ganz einig, was es denn genau geben soll. Vorschläge?“

„Das kommt ganz darauf an, was du denn da hast. Richte ihr auf jeden Fall liebe Grüße aus. Geht es ihr denn gut?“

„Teils teils. Sie wohnt für ein paar Tage bei mir, weil sie sich etwas abregen muss. Letztes Wochenende war sie schon da und auf dem Weg hier her hat sie wohl den gelben Sack mit raus genommen. Als sie zurückgekommen ist, durfte sie dann feststellen, dass ihre Mitbewohnerinnen keinen neuen Sack eingehängt haben, aber trotzdem den Müll in den Ständer geworfen haben. Der Abfall vom ganzen Wochenende war wohl ein wenig in de wenig in der Küche verteilt. Da ist sie etwas ausgerastet und wieder zu mir gekommen.“

„Ohje, die Ärmste hat aber wirklich ein Pech.“ kam die verständnisvolle Antwort. „Ich hoffe, du putzt dafür umso besser. Nicht, dass du sie dir noch verscheuchst.“

Das kannte er schon von seiner Familie. Permanente Ermahnungen und Ratschläge. Nicht immer waren sie so „subtil“ und freundlich wie heute. Er hatte es in gewisser Weise so provoziert. Bei der Erwähnung von Mia konnte seine Mutter einfach nicht anders. Er hatte manchmal den Eindruck, die liebte seine Freundin mehr als er selbst, aber das war doch natürlich Blödsinn. Oder?

„Mach dir da keine Sorgen. Wie sieht es denn bei euch daheim so aus?“

„Alles beim Alten hier. Es ist wie immer viel zu tun, aber das ist halt einfach so. Wir wollten euch beide auch nicht vom Abendessen abhalten. Macht euch noch einen schönen Abend und die lieben Grüße an Mia bitte nicht vergessen. Ist bei dir denn auch alles in Ordnung?“

„Alles gut hier. Wie gesagt, seit vorgestern ist nicht so viel passiert. Es ist halt Uni, aber wir schaffen das schon. Für Mia ist das ja eh alles kein Thema. Euch dann auch einen schönen Abend noch und guten Appetit.“

Das war also alles. Nur eine kurze Meldung aus Neugier, die ausgereicht hatte, um ihn ernsthaft zu beunruhigen. Sein Vater hätte vielleicht nur einmal angeklingelt und dann einfach auf einen Rückruf gewartet. Seine Schwester hätte immerhin schon eine SMS geschickt aber so viele Versuche für ein einfaches „wie geht es dir?“ waren selbst für seine Mutter merkwürdig. An eines hatte sie ihn aber damit erinnert. Er hatte sich schon wirklich lange nicht mehr bei seinen Großeltern gemeldet. Vielleicht sollte er das in den nächsten Tagen mal erledigen.

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4 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 59

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