Hörsaalgetuschel – Ausgabe 55

Zahnarzt

„Sie studieren also hier? Ich muss gestehen, ich bin etwas überrascht, wie wenige Studenten wir unter unseren Patienten haben. Achtung, das könnte jetzt etwas unangenehm werden. Der Zahnhals liegt ziemlich frei.“

Flo konnte ja verstehen, dass auch Zahnärzten dann und wann bei ihrer Arbeit etwas langweilig wurde, aber die Behandlung war nicht der perfekte Zeitpunkt für ein Gespräch. Er gurgelte einen unbestimmten Laut zwischen den Instrumenten und Fingern in seinem Mund hindurch. Die Ärztin war halb über, halb auf ihn drauf gebeugt und wühlte eifrig in seiner Mundhöhle, während Sauger und Reinigungshaken lärmten. Inzwischen fühlte sich sein Gaumen verdorrt und ausgetrocknet, wie eine Wüste an. Er zuckte empfindlich zusammen, als das vibrierende Gerät auf ungeschützte Nerven traf. Nackte Zahnhälse konnten ein Fluch sein. Einen Nutzen konnte man jedenfalls nicht daraus ziehen.

„Was studieren Sie denn, wenn ich fragen darf?“

Wie sollte er ihr denn darauf antworten? Jetzt, wo er hier lag, fiel ihm erst auf, wie viel ausgesprochene Sprache mit Bewegungen von Kiefer und Lippen zu tun hatte. Eigentlich das gesamte Klangspektrum, jenseits von ah war davon abhängig. Im Moment konnte er seine Lippen und seinen Kiefer nur nicht bewegen und ah wäre damit der einzige Laut, mit dem er sich verständlich machen konnte. Selbst wenn er den Namen des Studienganges ohne Mundbewegungen aussprach, es wäre doch kaum identifizierbar, selbst wenn man es wusste. Und auch wenn die Ärztin oft auf diese Art mit Patienten sprach, so geübt konnte doch selbst sie nicht sein, daraus etwas Sinnvolles verstehen zu können. Er versuchte es trotzdem.

Discovery Park Seattle„Ehrlich? Coole Sache! Das war damals mein Zweitwunsch fürs Studium, aber dann habe ich die Zulassung für Medizin bekommen und meine Eltern hätten mich vermutlich enterbt, wenn ich diese Chance nicht genutzt hätte. Dabei sollte man absolut nicht für jemand anderen studieren als sich selbst, sonst wird man nur unglücklich. Dafür ist ein Studium viel zu raumgreifend.“

Sie atmete tief durch und setzte ihr Werkzeug neu an. Flos ganzer Kiefer vibrierte. Bei dem Resonanzkörper seiner Mundhöhle musste sie das Geräusch vielfach verstärkt zurück bekommen. Durften Zahnärzte eigentlich Hörschutz tragen oder würde dadurch die bescheidene Kommunikation mit dem Patienten zu sehr eingeschränkt werden? Die Zahnärztin bemühte sich gerade einmal nicht um Konversation, sondern ging stumm ihrer Arbeit nach. Flo hatte nicht den Eindruck, dass sie sich besonders konzentrieren musste. Er hatte eher das Gefühl, sie hing gerade einem vergangenen Traum nach und das beruhigte ihn ganz und gar nicht. Sie war heute schon wiederholt abgerutscht und der metallische Geschmack, der ihm auf der Zunge lag, deutete auf etliche undichte Stellen im Zahnfleisch hin.

Der erste Schritt der halbjährlichen professionellen Zahnreinigung war abgeschlossen. Wenigstens die Zahnhälse hatten für einen Augenblick Ruhe. Die Politur war etwas schonender für sie, wenn auch eher für den Zahn selbst. Wenn nur das Zahnfleisch nicht im Weg wäre. Er wünschte sich beinahe, die Zähne einfach nach Belieben hinaus nehmen zu können. Es würde so vieles einfacher machen aber so gab es nichts, was ihn retten konnte. Erbarmungslos fräste sich der Polierkopf in das wunde Zahnfleisch und trieb die raue Polituhrpaste tief in die offenen Wunden. Er würde noch viele Stunden Freude an dem Pfefferminzgeschmack haben.

Eine halbe Stunde später war die Tortur vorbei. Die Zähne waren sauber aber locker, das Zahnfleisch blutig oder gleich ganz verschwunden. Er konnte sich nicht einmal mehr erinnern, wegen welcher Zähne er den Arzt noch einmal hätte fragen wollen, wieso sie schmerzten. Inzwischen taten sie ihm alle gleichermaßen weh.

„Und denken Sie daran: Heute keinen Kaffee, Tee oder Rotwein mehr, sonst verfärben sich die Zähne. Rauchen bitte genau so wenig, aber das tun Sie ja sowieso nicht, oder?“

Alles, was er die letzte Stunde getan hatte, war nach Kommando den Kopf zu drehen, während er einfach nur da lag. Trotzdem fühlte er sich erschlagen und zerstört. Er war froh, in keinen Spiegel sehen zu müssen. Wenn er auch nur ansatzweise so aussah, wie er sich fühlte, dann konnte es kein schöner Anblick sein. Kaffee oder Rotwein konnte ihn nicht locken. Heißer Tee oder kaltes Bier wären da etwas anderes, aber empfindlich, wie seine Zähne im Moment waren, könnte er auch einfach mit einem Hammer drauf schlagen. Alles, was ihm blieb, war sich mit einer Flasche Wasser und einer weichen Banane ins Bett zu kriechen und einen Film oder eine Doku zu sehen. Wenn er denn den Rückweg überstand.

Es kostete ihn viel Beherrschung, nicht ärgerlich mit den Zähnen zu knirschen, als er sich vor der Praxis nach seinem Fahrrad umsah. Der Schlüssel rasselte in seiner Hand und eigentlich sollte in der anderen gerade das Schloss und die Kette liegen. Beides war aber genau so wenig zu sehen, wie das Fahrrad selbst. Auf der Straße rumpelte der Bus vorbei und erinnerte ihn daran, dass sein Fahrrad zu Hause im Keller stand, und in seiner Jackentasche die Busfahrkarte steckte. Nur der Bus war nun weg. Er konnte genau so gut nach Hause laufen, damit wäre er am Ende eventuell sogar schneller im Bett.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 55

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s