Hunger – Teil 2.

Und irgend etwas war tatsächlich anders. Sie fühlte es ganz genau, konnte es nur nicht bestimmen. Die Schatten beunruhigten sie und sie suchte alles ab, um zu ergründen, was anders war. Eine permanente Bewegung um Augenwinkel. Sehr schwach, und kaum versuchte sie Sie zu finden, war sie fort. Es war, wie wenn einem ein Wort auf der Zunge liegt, man es aber nicht aussprechen kann. Eine Idee hatte sie trotzdem noch. Im Bemühen, auch das Unmögliche aus zu schließen, kniff sie die Augen zusammen und starrte auf die Umrisse der Schatten auf der glatten Wand. Der Sekundenzeiger lief laut tickend seine Runden.

Ein eintretender Chemiker fand sie, wie sie verwirrt und völlig in Gedanken versunken Richtung Decke starrte.

„Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“ fragte er vorsichtig.

„Haben Sie jemals einen Gedanken an unsere Beleuchtung verschwendet?“ entgegnete sie.

Er wirkte verwirrt. „Nein, wieso hätte ich das tun sollen?“

Er hatte keine Ahnung worauf sie hinaus wollte, und sie war sich nicht sicher, ob sie es selbst überhaupt wusste.

„Fünfundzwanzig Jahre, sogar noch länger, und ich kann mich nicht ein einziges Mal daran erinnern, dass eine Lampe von alleine kaputt gegangen wäre. Es hat mich Stunden gekostet, darauf zu kommen.“ Sie zerrieb abwesend ein Blatt zwischen ihren Fingern und roch an ihnen. Thymian. Langsam drang die Tatsache zu ihr durch, dass sie Besuch hatte. Sie richtete sich auf. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich komme aus dem Lebensmittellabor. Es geht um eine Paprikaprobe, die wir untersucht haben. Ihr Brennwert und die Nährstoffwerte sind weit unter Normal. Tut mir leid aber wir müssen die Nährlösung untersuchen.“

Sie rieb sich die Stirn und nickte. Das Problem war weitreichender und fortgeschrittener, als sie es zunächst vermutet hatte. Gut möglich, dass es nicht nur an der Nährlösung lag, die hatte sie bereits ohne Ergebnis untersucht.

„Der Geschmack scheint normal zu sein.“ sagte sie halblaut in den Raum hinein. „Aber wenn sie nicht nur kleiner werden, sondern zusätzlich zu bunten Wasserbeuteln verkümmern, dann haben wir ein Problem. Würden Sie mir kurz zur Hand gehen? Ich war gerade dabei, einige Proben vor zu bereiten. Sie können sie dann gleich mit hinauf nehmen.“

Und noch während sie die Proben der Nährlösung abfüllten, war ihre Ahnung von vor dem Gespräch von einem wohligem Rauschen und dem Gedanke an die Container am Frachtausleger verdrängt worden.

Nachdem der Chemiker die Farm mitsamt der Proben verlassen hatte, verschwand Marissa in Richtung des Hangars. Sie wollte eine Biene starten, jene kleinen, gelb lackierten Wartungskabinen, mit denen man die Außenseite des Schiffs in Augenschein nehmen konnte. Sie waren die einzige Möglichkeit, um an die Container am Ausleger zu kommen. Wahrscheinlich waren sie mit Gütern und Baumaterial bestückt, die für den Aufbau der Kolonie nach der Landung vorgesehen waren. Dementsprechend mussten sie auch nicht aus dem Inneren heraus erreichbar sein. Marissa hatte eine Liste gefunden, auf der grob die Fracht und Position verzeichnet waren.

Den Umgang mit den Bienen lernte Jeder an Bord. Er war fester Bestandteil der Rettungsprogramme und Notfallreparaturen wurden gemeinsam mit Brandbekämpfung, Umgang mit chemischen Unfällen und medizinischen Notfällen geprobt. Ein Training, was schon in früher Kindheit begann.

Die Hangartüren glitten zurück in ihre Verankerungen, kaum dass sie das Schiff verlassen hatte. Unter ihr glitten die dreieckigen Gitterträger vorbei, an denen die einzelnen Elemente des Schiffs verschraubt waren. Einfach auf zu lösen und beliebig erweiterbar, Modul für Modul. Nach der Landung sollten sie nach und nach aus der Struktur gelöst und zu einem Stadtzentrum angeordnet werden. So jedenfalls war es von den Planern vorgesehen. Andere, frühere Kolonien hatten ihr Schiff schlicht als Stadtzentrum behalten und nur bei Bedarf außerhalb einen Neubau errichtet. Dieser bestand zunächst oft aus alten Containern, die vergleichsweise einfach um zu bauen waren.

Eben solche Container näherten sich nun Marissas Biene. Sie waren kaum beleuchtet und hoben sich vor dem schwarzen Raum zwischen den Sternen nur als schwacher Schatten ab. Hier draußen gab es kein Sonnenlicht, dafür waren sie noch viel zu weit von ihrem Ziel entfernt. Sie schaltete die Wartungsscheinwerfer zu und die grauen Klötze mit dem stilisierten Emblem der Allianz bekamen Umrisse und Struktur. Sie waren also tatsächlich da. Ihr Puls beschleunigte sich und sie betete, die richtigen wären auch auffindbar.

Laut des Inventars, müssten sie sich ganz hinten befinden, hinter dem Antriebsschild. Laut des Inventars hatten sie aber auch sechs statt nur drei Bienen an Bord und außerdem zwei Forstroboter im Schiffsinneren, die sie selbst noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Sie glitt über die Frachtausleger hinweg. Die Tanks und Container erinnerten sie an Ameiseneier, die sorgfältig an einen Zweig geklebt waren. Hier hinten waren die Scheinwerfer der Biene die einzige Lichtquelle. Der Antrieb war bereits vor etlichen Jahren herunter gefahren worden. Nächsten Monat sollte das Schiff gedreht werden und der Antrieb für das Bremsmanöver vorgewärmt werden. Vorher würde sich niemand für dieses Ende des Schiffs interessieren.

Niemand außer ihr.

Im Labor steckten die Chemiker besorgt ihre Köpfe zusammen. Schweigend starrten sie auf den Bildschirm des Lebensmittellabor und beobachteten, wie langsam die Ergebnisse der gerade laufenden Tests über den Bildschirm tropften. Das kalte Licht, die surrenden Lüfter und Laborgeräte und das gespannte Schweigen sorgten für eine ausgesprochen beklommene, sterile Atmosphäre. Auf den Gesichtern der Anwesenden zeigte sich nur eine gefasste Resignation angesichts der Ergebnisse. Nur in den Augen selbst spiegelte sich die blanke Panik, angesichts dessen, was die Werte aussagten. Und das war… garnichts.

Es war alles in bester Ordnung! Gut, die Lösung war dezent überdüngt aber nicht so sehr, dass sie giftig war, also trotzdem noch fruchtbar genug. Die daraus entwachsenen Früchte wären immerhin ausreichend. Nur wären sie es gewesen, dann stünden sie jetzt nicht hier und die Zeit würde ihnen nicht durch die Finger rinnen. Entweder sie fanden das Problem, oder sie würden es nicht mal ins System schaffen. Sie hatten doch nichts übersehen, oder? Keine gravierenden Fehler gemacht, oder? Das konnte eigentlich nicht sein.

Ein schmaler Lichtkegel schob sich über die Container. Stück für Stück wurden sie abgesucht, immer weiter Richtung Heck. Die meisten waren versiegelt und unversehrt, nur einige wenige wiesen kleinere Schäden durch Meteoriten auf. Nur den Inhalt konnte sie nicht überprüfen. Sie hatte nur die Inventarliste zur Verfügung, auf der die Container samt Ladung verzeichnet waren. Der Lichtkegel wanderte weiter und ihr Herz setzte vor Entsetzen aus. Gerade dort, wo die Proviantcontainer befestigt sein sollten, ragten nur die Trümmer zerschmetterten Blechs und verbogener Träger ins All.

Das hier war schlimmer als leere oder nicht verladene Container. Trümmer, in denen teilweise noch die Reste der geplatzten Rationen klebten. Was sie hier vorfand, würde vielleicht reichen um eine Person bis zur Landung durch zu bringen. Das Schiff war aber Heimat von Tausenden! Panik, Verzweiflung und Resignation lieferten sich eine erbitterte Schlacht in ihrer Brust und sie bemühte sich nach Kräften, nicht einfach nur noch in Tränen aus zu brechen. Sie bebte so kräftig, dass sie die Steuerung los lassen musste um keinen Unfall zu provozieren. Sie hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen, presste sich mit aller verbleibenden Kraft in den Sitz und zwang sich durch zu atmen.

Fortsetzung folgt…

Planeten

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