Den Kopf in den Wolken – Teil 2.

Mit einem Ruck schreckte er aus seinem Schlaf hoch. Das Flugzeug lag ruhig und gerade in der Luft. Die letzten Sonnenstrahlen lugten über den Horizont und zeichneten die scharfen Linien eines Gebirgszuges gegen den glühenden Himmel ab. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, was er dort gerade sah. Er steuerte geradewegs auf eine enorme und massive Wand aus festem Gestein zu. Eine Mauer, gekrönt mit spitzen, schneebedeckten Zinnen. An ihrer Basis waren einige Wolken versammelt und er stellte mit einem unangenehmen Gefühl im Magen fest, dass er zu niedrig war.

Er gab etwas mehr Gas und zog behutsam am Steuerhorn. Der Horizont vor ihm sank ab und er spürte den Druck des Aufstiegs im Rücken. Er musste nur weiter genau darauf zu halten und würde mit einem komfortablen Luftpolster die Pässe durchfliegen können. Er hatte das Dach der Welt nie gesehen aber er konnte sich nicht vorstellen, dass dieses höher war als das, was er hier gerade entdeckt hatte. Er hatte auf ein paar Berge gehofft, die er benennen konnte, aber niemals auf das höchste Gebirge der Welt. Vor Aufregung war er plötzlich hellwach. Wenn schon dieses Gebirge hier direkt an der Küste so gewaltig war, was für Wunder sollten dann erst noch kommen? Adrenalin kochte in seinen Adern.

Die Temperatur in der Kabine fiel stark ab. Verdutzt beobachtete er das Alkoholthermometer am Seitenfenster. Angesichts der schneebedeckten Gipfel hätte er nicht verwundert sein dürfen, außerdem flog er doch nicht zum ersten Mal. Er wusste, dass die Temperatur in der Höhe gleichmäßig abnahm. Genau so sehr der Druck und der Sauerstoff. Unter die Aufregung mischten sich Angst und Sorgen, unter sein Blut immer mehr Adrenalin. Seine Zunge fühlte sich taub und verdorrt an.

Was wäre, wenn der Sauerstoff nicht ausreichen würde? Er hatte natürlich nicht daran gedacht, welchen mit zu nehmen. Er hatte schon an Laternen, Proviant und extra Treibstoff gedacht. Sogar eine Notfallausrüstung mit Verbänden und etwas Feuerholz hatte er dabei aber wieso hätte er Sauerstoff mitnehmen sollen? Das Flugzeug konnte schließlich nicht beliebig viel Last transportieren und Gewicht hieß Treibstoff. Inzwischen bereute er, nicht noch mehr Treibstoff mitgenommen zu haben aber andererseits, die Tanköffnung war an der Außenseite und sein Reservekanister im Laderaum. Zum Nachtanken müsste er so oder so landen.

Inzwischen konnte er über einige der niedrigeren Pässe hinweg sehen. Das Land dahinter lag im Nebel und er konnte nicht viel erkennen aber es wirkte hügelig und bewaldet. Wo sollte er dort landen können? Und vor allen Dingen, wie sollte er dort wieder starten können, um zurück nach Hause zu finden? Langsam wurde ihm bewusst, dass er nicht wieder nach Hause kommen würde. Er war los geflogen auf der Suche nach einem Abenteuer und das hatte er nun wohl gefunden. Und es würde für den Rest seines Lebens anhalten. Viele Leute mussten ihn um dieses Schicksal beneiden versuchte er sich ein zu reden aber es half nichts. In seinem Hals bildete sich ein Kloß und seine Eingeweide fühlten sich eiskalt an. Die steile Küste kam mit jeder Minute näher und er stieg weiter in eisige Höhen.

Vielleicht sollte er einfach weiter steigen. Er konnte seine Notizbücher ebenso gut unbeschrieben über Bord werfen, weiter steigen, bis der Sauerstoffmangel und die Kälte ihn von seinem Schicksal entbanden. Er hatte sich völlig falsch auf seine Expedition vorbereitet. Er dachte an Zuhause, sein Elternhaus mit seinen Geschwistern und dem Kater am Ofen. Es war dort immer warm und gemütlich, selbst im tiefsten Winter. Wieso nur hatte er sich so sehr ein Abenteuer gewünscht? Er wusste es nicht mehr aber er hatte es sich so ausgesucht. Nun wo er schon einmal da war, konnte er es genau so gut annehmen.

Ostrach

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