Hörsaalgetuschel – Ausgabe 120.

Prüfungserlebnisse

Da war es wieder so weit. Die Klausurphase war angelaufen und Flo war, entgegen aller Vorsätze, mal wieder, wie üblich vorbereitet. „Wie üblich“ hieß dabei, dass er wieder einmal große Pläne gehabt hatte, das Semester über fleißig zu sein, und nun doch wieder alles in der letzten Woche vor der Prüfung durch zu hasten und entsprechend miserabel vorbereitet zu sein.

Bisher hatte es Semester gegeben, da hatte Mia ihn und Erik zuverlässig mit durchgezogen, sie dazu gezwungen, sich hinzusetzen und fleißig zu sein. Aber dieses Semester war irgendwie alles anders gewesen. Mia und Erik hatten genug mit sich selbst zu tun gehabt, mit ihrer eigenen Wohnung und der Abschlussarbeit. Er selbst hatte ebenfalls einen Umzug hinter sich, zu seiner Freundin, in die benachbarte Stadt. Da war die Uni irgendwie zu kurz gekommen.

Und nun saß er gemeinsam mit allen anderen in einem Seminarraum, warteten darauf, dass der Prüfer mit den Klausuren kam, und fühlte sich hoffnungslos unvorbereitet. Er hätte sich ja einen Spickzettel geschrieben, wenn er gewusst hätte, worauf er sich vorbereiten sollte. Aber Altklausuren und Beispielaufgaben gab es nicht wirklich, nur die blanke Vorlesung. Mehr nicht.

Aufgeregtes Gemurmel, gedämpfte Unterhaltungen und das Rascheln von Aufzeichnungen für das Kurzzeitgedächtnis. Bulimielernen für Klausuren, die sich eventuell sogar mit Stoff befassten, den man später im Berufsleben einmal gebrauchen könnte. Aber wieso sollte man jetzt mit dem Pokerspiel aufhören?

Die Klausur kam, wurde ausgeteilt und kurz durchgesprochen. Viel zu sagen gab es nicht, der Vorgang war allen geläufig und bekannt. Etwas ungläubig beobachtete Flo allerdings, wie der Prüfer sich unmittelbar nach dem Startsignal demonstrativ hinter seinem Laptop niederließ und sich seinen Mails oder Nachrichten oder irgendetwas widmete, nur nicht seinen Prüflingen. Nun gut, wenn er es für angebracht hielt, so konnte er im Zweifel wenigstens leichter abschreiben.

Als er die Fragen durchblätterte, musste er schlucken. Es waren definitiv nicht die, auf die er gelernt hatte. Gerade mal eine einzige war dabei, die er spontan als eine der gemunkelten Übungsfragen erkannte und beantworten konnte. Alle anderen waren irgendwie … anders. Er blätterte zurück auf Anfang und begann den zweiten Durchlauf, diesmal aufmerksamer und mit eingeschaltetem Gehirn, statt nur dem Kurzzeitgedächtnis.

Was ihm auffiel, war, dass die Fragen zwar durchaus Biss hatten, wenn man aber in der Vorlesung halbwegs aufmerksam gewesen war, erinnerte man sich an etliches. Das Übrige kannte er in weiten Teilen aus anderen Veranstaltungen und etliches sogar aus den Nachrichten oder einer der zahlreichen Dokus, die er so oft nebenher hatte laufen lassen. Es war keine Klausur, auf die er sich gut hatte vorbereiten können und doch schrieb er nun relativ flüssig die Antworten zu den Fragen auf. Keine auswendig gelernten und vorformulierten Antworten, sondern hier frisch kombiniert und in Worte gefasst.

Eine ruhige Arbeitsatmosphäre war nicht gegeben. Ständig stand jemand auf, räumte seine Sachen zusammen und gab seine Klausur ab. Zunächst waren viele weiße Blätter dabei, später auch halb oder ganz ausgefüllte Klausurbögen. Da die Mails wohl inzwischen abgearbeitet waren, widmete sich der Prüfer nun der Korrektur der soeben abgegebenen Prüfungsbögen und trug die Ergebnisse direkt frisch in seine Tabelle im Rechner ein. Der Raum interessierte ihn nach wie vor nicht.

Flo hatte sich noch umgesehen, ob er jemandem helfen könne oder auf einem Blatt ein Stichwort erspähen konnte, was ihm eventuelle Lücken, die er übersehen hatte, füllen konnte. Am Ende hatte er sich aber nicht getraut, all zu dreist zu sein. Eine Erkenntnis hatte er aber dennoch identifiziert und die hatte ihn handfest schockiert. Die Klausur hatte ihm, so seltsam es auch war, Spaß gemacht. Sie war schwer gewesen aber dennoch fair und er hatte das Gefühl, seine Punkte hier auch verdient zu haben. Er musste bereits viel zu lange an der Uni sein, dass es so weit gekommen war. Aber noch war dieser Wahnsinn nicht vorbei.

Herrsching III

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