Hinterm Horizont – Teil 15.

Der heutige Teil ist leider etwas kürzer, dafür passiert eine Menge (zwischen den Zeilen wenigstens). Habt ihr eine Idee, was ich meine? Ich hoffe, ihr habt trotzdem noch Freude an der Geschichte. 🙂

Das Versuchsobjekt, was ich ausgewählt hatte, war einer der Patienten. Vielfach als gewalttätig auffällig geworden lag er bereits ein halbes Jahr sediert hier und jeder Versuch, ihn wieder zu erwecken und in die Gesellschaft einzugliedern, endete mit Angriffen auf alles, was sich bewegte. Er war eine reine Verschwendung von Ressourcen und Platz. Nichts an ihm konnte ich in irgendeiner Form achten. In meinen Augen war nichts näher liegend, als das Netz an ihm zu erproben und um besten Fall sogar eine Therapiemethode erschaffen zu können. Vielleicht spielte auch das in die positive Entscheidung des Arztes mit ein. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass wir scheitern würden, wäre der Schaden sehr gering, ja eher sogar ein Nutzen für das Schiff.

Auch wenn es mir absolut bewusst war, dass ich dem Schiff und seiner Besatzung einen großen Gefallen erwies, fühlte es sich seltsam an. Bei Bob war es keine Frage, dass er den Eingriffen zustimmen würde und bei Enya war es notwendig gewesen, um ihr Leben zu retten, sie mit der Kybernetik auszustatten. Mein Patient jetzt hingegen war jemand, bei dem ich mir sicher war, dass er es absolut hassen würde, was ich mit ihm vor hatte. Damit erschöpfte sich aber auch bereits mein Wissen über ihn. Wäre da nicht die Anzeige an seinem Bett gewesen, ich hätte nicht einmal einen Namen raten können. Und über den deutlichen Willen dieses Menschen setzte ich mich jetzt hinweg, führte seine Existenz einem höheren Ziel zu und verwandelte ihn in etwas, was er selbst ganz offensichtlich verabscheute. Aber es war nicht meine Schuld, dass er immer wieder versucht hatte, das Schiff zu sabotieren. Nein, es würde besser für alle sein, wenn er helfen würde, wertvollere Besatzungsmitglieder wieder zu heilen. Mit etwas Glück konnte er im Anschluss auch der Kontrolle des Computers unterstellt werden und so selbst zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft werden. Aktuell stand er nur in ihrer Schuld und ich war der Meinung, dass er diese begleichen sollte. Und wenn ich bei ihm scheitern sollte, dann lag die Krankenstation voll mit Fällen wie ihm. Eine ganze Reihe von freiwilligen Versuchspersonen, die nur darauf warteten, ihre große Chance zu bekommen. Ja, aus dieser Perspektive musste man es betrachten, damit es Sinn ergab.

 

Der Eingriff entpuppte sich als großer Erfolg. Die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine funktionierte einwandfrei, und obwohl das neuronale Netz nur im Gehirn eingebaut worden war, ließen sich auch die übrigen Nervenzentren darüber ansprechen. Es war sogar möglich, den Körper ferngesteuert zu bewegen und von einer chemischen auf eine elektronische Sedierung umzusteigen, ihn sogar teilweise aufzuwecken und dennoch unter Kontrolle zu halten. Noch hasste er es, aber mit der Zeit würde er es lieben lernen. Er musste einfach!

Nachdem wir die letzten Mängel, die uns aufgefallen waren, beseitigt hatten, statteten wir Bob mit dem neuen Netz aus. Er hatte bereits einige Erfahrung damit und war generell offen dafür, weswegen die Implementierung bei ihm völlig reibungslos lief. Innerhalb von nur wenigen Stunden hatte der Organismus die Kybernetik angenommen und alle wichtigen Verbindungen angepasst. Der einzige Nachteil für ihn war, dass er nun deutlich bemerkt, wie rudimentär viele seiner Augmentationen waren. Er hatte sie damals noch teilweise von Hand in der Werkstatt zusammengeschraubt. Jetzt hatte er die Kapazitäten, sich einen komplett neuen Werkzeugsatz zu bauen, der seine Möglichkeiten viel besser ausschöpfte.

Jetzt sah ich auch die Zeit für mich gekommen. Meine Entwicklung mochte nicht perfekt sein, aber sie war nah dran und würde ein glorreicher Erfolg sein. Steuerelemente, wie für Bobs Augmentationen, hatte ich zwar vorbereitet, aber das war eigentlich nicht mein Ziel. Ich wollte nicht meine Arme erweitern, sondern mein Gehirn, meinen Verstand und meine Wahrnehmung. Daher war das Herzstück meines eigenen Systems das Netz, welches Hirn, Rückenmark und jedes weitere große Nervenzentrum im Körper umfasste. Wie ein Myzel würden die Drähte meinen Körper durchziehen, nur dass dieser Pilz nicht mein Parasit war. Er würde die Quelle meiner Macht sein und mich evolutionär auf die nächste Stufe heben. Ich würde das Beste aus zwei Welten in nie gekanntem Ausmaß vereinen. Die Speerspitze einer neuen Art, zu der auch Bob, Enya und unser Patient x bereits gehörten.

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19 Gedanken zu „Hinterm Horizont – Teil 15.

      1. Stella, oh, Stella

        Ich dachte eigentlich mehr in die Richtung, dass man etwas über diese Zellen herausfindet und die dann künstlich herstellen kann oder so. Oder bestehende vermehrt und daraus eben Gewebe herstellt, das man dann anstelle von Metall zu einem Netz verarbeiten kann.

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      2. dergrafvonborg Autor

        Fremdgewebe einbauen? Hmm, aber wie verhindert man da Imunreaktionen? Wenn es eingekreuzt ist, dann ist es ja körpereigen, wird also vom Körper auch unterhalten… wahrscheinlich jedenfalls. Aber ich bin kein Biologe.

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    1. dergrafvonborg Autor

      GPS Überwachung beim Menschen? Oder ein RFID Bezahlsystem in Bus und Bahn. Der feuchte Traum eines jeden Verkehrsforschers. So genaue Bewegungsdaten wird er nie wieder bekommen. 😀 Natürlich beliebig ausweitbar, z.B. auch für den normalen Einkauf. Die Daten werden dann gleich an die Krankenkasse weiter geleitet. Viel Obst und Gemüse im Einkaufswagen bescheren Boni, Tiefkühlpizza mit bedenklichen Inhaltsstoffen oder aggressive Putzmittel lassen die Beiträge klettern? Ohje… bitte bringt hier niemanden auf dumme Gedanken!

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      Antwort
      1. rina.p

        ICH!!! Du zählst alles auf. Ach und vergiss nicht – wenn du in Ungnade gefallen bist, gibt es erstmal kein Geld. Und die Familien und Freunde können nicht helfen – denn wenn auffällt, dass sie aufeinmal mehr einkaufen – blop – gesperrt. Beiträge klettern bei falschem Essen oder der Verkauf wird sogar verweigert. Ach da könnte man ja ewig „rumspinnen“ 😉

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      2. dergrafvonborg Autor

        Und Bargeld wird ohnehin nicht mehr akzeptiert, weil der Verwaltungsaufwand viel zu hoch ist und die Fälschungsmöglichkeiten zu umfangreich. Braucht es noch Blitzer? Wenn das GPS eine Geschwindigkeitsüberschreitung findet, wird kassiert…
        Oh ich merke schon, wir haben das perfekte Fundament für einen totalen Überwachungsstaat hier. Das wäre doch eigentlich etwas für Jette …

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      3. rina.p

        Oh – ja eine neue Story.
        Genau der Verwaltungsaufwand;-)
        Stimmt – an Blitzer habe ich gar nicht gedacht – da hab ich ja mehr Platz auf dem Handy – für die Überwachungsapp. Blitzer.de brauch ich ja dann nicht mehr.

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