War, Sein, Werden IV.

Auf den ersten Blick erkannte der Direktor kaum einen Unterschied zu dem letzten Bild. Auf den zweiten Blick aber ähnelte sich nichts mehr. Sie waren Millionen Jahre weiter in die Vergangenheit gereist. Der Computer gab an, das Zeitalter würde Trias genannt werden. Ein Zeitalter, kurz nach einem der großen Artensterben. Der Wald war noch sichtlich frisch, bestehend aus Pionierpflanzen und kleinen Bäumen. Der Boden war spröder Fels, weich und zerklüftet. Er war offensichtlich erst vor kurzer Zeit aus flüssiger Lava erstarrt.

An den scharfen Klippen klammerten sich die ersten Blumen mit ihren farblosen Blüten fest. Begleitet wurden sie von einer der wenigen Konstanten über die Zeit: Insekten. Wo es Leben in irgendeiner Form gab, da waren sie meist nicht weit. Vielleicht lag es an ihrer Größe, aber Michael konnte kaum Unterschiede zwischen ihnen feststellen. Scheu waren sie jedenfalls nicht. Einige krabbelten schon über die verwelkte Blüte, die vor ihm auf dem Boden gelandet war. Er musste gegen sie gelaufen sein, als er das Portal verließ. Jedenfalls hatte er noch mitbekommen, wie sie ihm vor die Füße fiel. Er sah an seinem Jackett hinab. Es lag glatt, schnörkellos und an der Magnetkante verschlossen, wie immer auf seiner Brust. Keine Taschen, keine Löcher und Lücken, kein störendes Beiwerk. Nur klassische, zeitlose Eleganz.

Der Direktor trat neben ihn. Sein privilegierter roter Kragen leuchtete kräftig unter dem anthrazitfarbenen Sakko. Sein haarloser Kopf schien auf erschreckende Weise perfekt in diese Umwelt zu passen. Michael hätte es nicht begründen können, aber er hatte ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend. Der Direktor begann auf einmal, Neugier an der Zeitreise zu zeigen.

„Sagen Sie, was ist denn nun eigentlich dran an den Paradoxien. Sie wissen schon, diese albernen Gedankenspiele in der Art ‚ich reise in der Zeit zurück und töte meine Mutter. Wer soll mich jetzt zur Welt bringen, damit ich sie ermorden kann?‘ Die Philosophie stellt sich die Frage schon seit fünfzig Jahren, aber was ist dran?“

„Ausgemachter Blödsinn.“ Michael war sich seiner Sache diesbezüglich sicher. „Sehen Sie, wenn Zeitreisen auch in Zukunft möglich bleiben, dann muss die Erde in ihrer Geschichte von einer Masse an Zeitreisenden überschwemmt worden sein. Haben Sie jemals auch nur von einem Einzigen gehört?“

„Nein. Es gab wohl diverse Legenden bei den Wilden auf den karibischen Inseln. Sie berichteten von Menschen, die alle paar Jahre zu Besuch kommen und das schon seit Jahrhunderten. Allerdings hat kein intelligenter Mensch diese ‚Besucher‘ je zu Gesicht bekommen.“

„Damit haben Sie sich ihre Frage selbst beantwortet. Es gibt keine Aufzeichnungen über Zeitreisende. Das bedeutet, es gibt zwei Möglichkeiten. Erstens, wir sind die einzigen beiden Zeitreisenden in der Geschichte der Menschheit.“

„Das wäre absurd!“ Der Direktor fiel ihm ins Wort. „Menschen sind von Natur aus neugierig. Sie werden diese Technologie wieder benutzen, um mehr über unsere Herkunft und Vergangenheit zu lernen. Selbst wenn wir das Portal nach unserer Rückkehr nicht mehr aktivieren können sollten, nach uns werden Andere kommen. Wieso sollte ihnen misslingen, was Sie und ihre Leute quasi im Alleingang geschafft haben?“

Michael fühlte sich tatsächlich geschmeichelt. Außerdem konnte er die Argumentation des Direktors nicht widerlegen. Das kam ihm nur gelegen, denn das bedeutete, dass die zweite Möglichkeit korrekt sein musste.

„In dem Fall greift zweitens. Die Geschichte ist voll von Zeitreisenden wie uns. Wir bekommen es nur nicht mit, die Zeitlinie bekommt es nicht mit. Die Besucher sind zum untätigen Zuschauen verdammt. Man kann es als einen Schutzmechanismus Gottes sehen. Er hat etwas geschaffen, was in seiner Entwicklung nicht beeinträchtigt werden darf, also können wir es nur besuchen aber nicht beeinflussen. Ähnlich wie Sie manche Dateien auf ihrem Rechner nur lesen aber nicht bearbeiten können. Sobald wir unsere Zeit verlassen haben, sind wir unsichtbar und können keine Spuren hinterlassen. Wäre ihnen bisher eine Situation aufgefallen, in der irgendetwas aus der Umgebung auf uns reagiert hätte?“

„Da kann ich Ihnen nur zustimmen.“ Der Direktor war glücklich um diese Antwort. Sie entband ihn von jedweder Verantwortung. Wenn er nichts tun konnte, dann konnte er auch nicht das Falsche tun. Er hatte noch so viele Ziele vor Augen, die er besuchen wollte. Heute konnte er bis zur Entstehung des Lebens zurückreisen, morgen dann die ersten Menschen besuchen. Ihm gehörte zwar nicht die Welt aber dafür die Zeit. Zufrieden lächelnd riss er von dem am nächsten stehenden Busch eine Blüte ab und schnupperte versonnen daran. Der Geruch kitzelte ihn in der Nase. Er legte den Kopf in den Nacken und versuchte vergeblich den Niesreflex zu unterdrücken.

Im folgenden Augenblick lag die Landschaft der Trias ruhig und unberührt da. Von vulkanischen Quellen beheizter Schlamm floss die Hügel hinab, dort entlang, wo vielleicht einmal auf einer anderen Zeitlinie, in einem anderen Universum ein Portal von Zeitreisenden gestanden haben mochte. Auf einer anderen Zeitlinie, in einem anderen Universum, in dem eine unglückliche Verkettung von absolut unwahrscheinlichen Zufällen der Mensch als eine der dominanten Spezies hervorgegangen ist.

Dank sei einer noch um ein vielfaches unwahrscheinlicheren Verkettung von regelrecht unmöglichen Zufällen, würde es in diesem Universum nie dazu kommen. Was sich hier an intelligentem Leben entwickeln würde, hätte für den Moment andere Sorgen, als die Manipulation der Zeitachsen. Dabei war ihre Zeitachse selbst nur deswegen möglich, weil jemand anders genau das getan hatte. Am Ende liebt die Geschichte zwar keine Paradoxien, dafür aber die Ironie um so mehr. Früher oder später würde irgendjemand in einem Anflug von Langeweile die richtigen Fragen formulieren und damit einen Stein ins Rollen bringen. Früher oder später würde etwas vorfallen, was alles bislang Dagewesene infrage stellte. So war es immer, so ist es und so wird es immer sein.

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4 Gedanken zu „War, Sein, Werden IV.

    1. dergrafvonborg Autor

      Ich muss gestehen, ich hatte befürchtet, dass es durch die Aufteilung in mehrere Teile untergeht. Du hast es aber dennoch bemerkt 🙂 Es ist tatsächlich nur eine Gruppe. Das ist ja eben das gemeine an Zeitreisen. Sie können verwirrend sein.

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      1. dergrafvonborg Autor

        Mal eine Fußspur, dann wurden sie gesehen, sind vielleicht auf etwas drauf getreten oder haben etwas mit in die Zeit gebracht. Man wird schnell nachlässig, wenn man davon ausgeht, nichts anrichten zu können. Also ja, genau das müssen sie 😉

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