Hinterm Horizont – Teil 13.

Was ich wollte, würde weiter gehen müssen. Erweiterungen mussten sich in den Organismus einfügen, als hätten sie nie gefehlt. Ich wollte gemeinsam mit der Maschine denken können, über einen Anschluss mein Gedächtnis um die Datenbanken des gesamten Schiffs erweitern können, mit einem tragbaren Computer meine eigenen Fähigkeiten verbessern.

Um dieses Ziel zu erreichen, arbeitete ich Nacht um Nacht daran, mein Wissen zu erweitern. Ich entwarf und prüfte Modelle und Prototypen von Einzelteilen und ganzen Komponenten des Systems. Ich ließ Experimente und Versuche laufen, so gut ich konnte. Ich züchtete Nervenzellen auf Chipsätze und erforschte die Reizleitung zwischen ihnen.

Tagsüber verbrachte ich die meiste Zeit in der Robotikwerkstatt, wo ich Wartungsarbeiten durchführte und teilweise auch gemeinsam mit den Robotern Verbesserungen ausarbeitete. Auch wenn die Androiden robust und für universelle Einsätze solide ausgestattet konstruiert worden waren, stießen sie immer wieder an die Grenzen ihrer Möglichkeiten.

Auf der Erde war dies bewusst so eingeführt worden, um auch hoch spezialisierten Robotern, vor allem aber konkurrierenden Herstellern die Arbeit zu lassen. Genau so war es verboten, dass sich die Roboter selbst verbesserten. Aber wer von den Verantwortlichen wusste schon, was in den Köpfen unserer Androiden schlummerte? Sie waren von den KI-Netzwerken mit viel Bedacht ausgewählt und vorbereitet worden. Diese Kolonie sollte etwas Besonderes werden, der Beginn einer neuen Ära. Und es war unser Privileg, daran beteiligt zu sein.

Und mit jedem ersetzten Arm, jedem Bein, jedem Torso wurden wir besser und besser darin, eigene Roboter und Androiden zu bauen. Wenn wir das Material gehabt hätten, wir hätten wohl eine ganze Generation von neuen Maschinen erschaffen. Aber da wir dafür das Schiff selbst hätten verwerten müssen, wurde es als Projekt für die neue Kolonie abgespeichert. Ein absoluter Glücksfall für mich war hingegen, dass ein Androide mit einem abgetrennten Arm in die Werkstatt kam, der um keinen einfachen Ersatz bat. Er wollte wissen, wie sich Fleisch anfühlt.

Brennende Neugier musste ihn dazu getrieben haben, sich organische Körperteile zu wünschen. Eventuell hatten wir ihn auch selbst auf die Idee gebracht, indem wir das Prinzip in der anderen Richtung verfolgten und Menschen durch Maschinen ergänzten. Wenigstens genau so entscheidend mochte seine Hoffnung gewesen sein, damit dem Menschen auf dem Schiff näherzukommen und so Angriffen zu entgehen. Er war nicht der erste Fall, bei dem ein Arm durch den grobschlächtigen Einsatz einer improvisierten Axt oder Ähnlichem abgetrennt worden war. Es erschien nur logisch, durch ein Entgegenkommen die Zahl der notwendigen Reparaturen zu reduzieren und so die Ressourcen zu schonen.

Er war das perfekte Versuchsfeld. Kooperativ, hilfsbereit und wenn etwas nicht funktionieren würde, konnte ich die Bauteile mit geringem Aufwand wieder entfernen und durch verbesserte Versionen ersetzen. Im Biodrucker begann ich damit, den notwendigen Arm zu züchten. Die initiale Erbgut- und Faserspende konnte ich mir selbst entnehmen. Das neurale Netz zur Steuerung und Versorgung legte ich direkt in dem wachsenden Arm an. Zugegeben, als Prototyp für mein eigenes System war der Versuch damit ungeeignet. Immerhin konnte ich mich selbst nicht neu züchten, sondern musste mit meinem bereits ausgewachsenen Körper arbeiten. Aber dennoch lieferte es mir wertvolle Erkenntnisse über die Wechselwirkungen zwischen Organik, Mechanik und Elektronik. Zudem beschleunigte es den Prozess ungemein, da die Verbindung zwischen Nerven und Chipsätzen nicht erst im Nachhinein wachsen musste. Bereits der erste Arm gelang so gut, dass nur noch geringfügige Anpassungen notwendig wurden, bis er tatsächlich verbaut werden konnte.

Der Androide war begeistert, dass ich ihm seinen Wunsch erfüllen konnte. So begeistert jedenfalls, wie ein Wesen, welches nur über simulierte Varianten menschlicher Emotionen verfügte, eben sein konnte. Der Arm erfüllte alle Ansprüche in einer Qualität, die ich kaum zu hoffen gewagt hatte. Sein Träger war in der ersten Zeit völlig überfordert mit den zusätzlichen Sinneseindrücken in all ihren Details. Er musste sich um einen zusätzlichen Chipsatz erweitern, ehe er sie verarbeiten konnte. Für mich war es ein gewaltiger Quantensprung. Nie zuvor hatte ich ein dermaßen komplexes System gebaut und erprobt. Selbst Enya, deren System bereits sehr hoch entwickelt war, musste auch nach ihrer Eingewöhnung noch einige Einschnitte hinnehmen. Ich verbrachte die gesamte Erprobungsphase auf einer Welle der Euphorie.

Es zeigte mir aber auch noch etwas anderes. Der beste Entwurf war nicht viel Wert, wenn man ihn nicht wenigstens einmal erprobte. Ich benötigte eine Idee, wie ich meine Technologie testen konnte, ohne ein hohes Risiko einzugehen oder Ressourcen zu verschwenden. Und eine solche Idee sollte mir kommen, als ich bald darauf auf die Krankenstation gerufen wurde.

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