Exitus III

Es ist jetzt schon wieder eine ganze Weile her. Am 12. Dezember hat Offenschreiben ihr Schreib mit mir 21 veröffentlicht. Damals hatte ich mitgemacht und Mit Exitus I den Anfang dazu veröffentlicht. In der Woche darauf folgte Exitus II und damit mein Problem, dass ich nicht wirklich wusste, wie es weiter gehen soll. Ich hatte den Eindruck, mich in eine Sackgasse geschrieben zu haben. Seitdem habe ich einige Kommentare bekommen, die mich motiviert haben, weiter zu schreiben und neue Ideen mit sich gebracht haben. Vielen lieben Dank dafür! Ich hoffe, die Fortsetzung entwickelt sich in eine Richtung, die Euch gefällt. Viel Spaß!

So vergingen Tage, Woche und Monate. Ich verbrachte die Nachmittage und Abende in der Küche und vormittags las ich meistens etwas. In der Zwischenzeit hatte ich einen stolzen Bart bekommen, der mir eine gute Tarnung verschaffte, sodass ich mich zwar nur mit Bedacht, aber dennoch vergleichsweise frei bewegen konnte. Tom der Streuner hatte immer wieder beobachtet, wie einzelne Polizeidrohnen nach mir gesucht hatten. Und er hatte die Reaktion der Leute beobachtet, denn wenn Tom eines konnte, dann war es beobachten.

Eines Tages hatte er Glück und stieß auf einen Kollegen, mit dem ich viele Jahre lang zusammengearbeitet hatte. Wenigstens so verwirrt wie mein Kollege war wohl der Roboter, als er die Antwort bekam, ich wäre bereits ein halbes Jahr verstorben. Er schien diese Basisinformation überhaupt nicht übermittelt bekommen zu haben. Als Reaktion fragte er meinen Kollegen gar, ob er ihn zu mir bringen könne, ich müsse noch leben, schließlich gäbe es die Suchmeldung.

Zeitweise fühlte ich mich sicher genug, als dass ich beim gemeinsamen Essen über die Ausführungen der Anderen über die Suche nach mir herzlich lachen konnte. Die meiste Zeit über aber erzeugte es einfach nur ein entsetzlich beklemmendes und unangenehmes Gefühl in mir und erinnerte mich daran, mich gut im Schatten verborgen zu halten. Lena bekam wöchentlich Anfragen aus der Polizeibehörde, ob sie einen Hinweis auf meine Existenz bekommen habe. Sie blieb bei ihrer Geschichte und würde es auch bleiben. Solange sie keine genauen Informationen zu dem Fall bekam, würde sie mich nie gesehen haben. Ich war hier in Sicherheit und gut aufgehoben. Trotzdem fühlte es sich an, als würde sich eine Schlinge um meinen Hals immer weiter zuziehen. Bald traute ich mich überhaupt nicht mehr auf die Straße.

Als ich eines Nachts aus der Küche hinunter kam und durch die Bar in Richtung Wohnzimmer ging, winkte mich Jay zu sich an die Bar. Er hatte offenbar nicht nur seinen Gästen aus-, sondern auch sich selbst einiges eingeschenkt, aber er wirkte absolut klar und sehr ernst.

„Da war jemand hier, der dich kennt. Ein Marten, oder so ähnlich. Ziemlich trocken gefallener Seebär, armer Kerl. War ziemlich aufgebracht und nervös und hat Dinge ausgeplaudert, die man besser für sich hält, wenn du verstehst. Er zweifelt an seinem Verstand und meint, er sieht Gespenster. Hat dich offenbar auf der Straße gesehen, zwei drei Mal schon. Und er ist von der Polizei befragt worden. Die sind wohl gleich aufmerksam geworden, weil er bei dem Bild von dir nervös wurde. Tom hat sich jetzt erst einmal an ihn dran gehängt und passt auf, aber du solltest vielleicht den Ball vorerst was flach halten.“

Man möchte meinen, ich würde mich allmählich an seltsame Nachrichten gewöhnen, aber das war nicht der Fall. Es war nicht so, als würde ich von der Information einfach auf dem falschen Fuß erwischt werden oder mich fühlen, wie vom Bus überrollt. Es war eher so, als hätte jemand einen großen Frachter oder ein Kreuzfahrtschiff genommen und aus heiterem Himmel auf mich geworfen, ein fröhliches „hier, fang!“ auf den Lippen.

Marten war hier gewesen, direkt in meinem Hausflur. Er hatte mich gesehen und offenbar sogar erkannt. Niemand konnte wissen, was er der Polizei wirklich alles erzählt hatte und was er überhaupt wusste, mit wem er geredet hatte und über was. Aber so oder so hatte es gereicht, als dass er sich in der Bar beim alten Jay gründlich abgeschossen hatte. Tom hatte ihn nach Hause begleitet und versucht, noch einiges in Erfahrung zu bringen aber vergeblich. Selbst sturzbetrunken und unter Schock hielt Marten gut dicht. Es war ein schwacher Trost aber immerhin ein kleiner Lichtblick in diesem Chaos. Nur um die kommende Woche ruhig zu schlafen, dafür reichte es nicht aus. Die nächste Zeit versuchte ich Arbeiten im Unterschlupf zu verrichten, und nicht mehr hinauf zu gehen.

Tom hatte Marten inzwischen drei Wochen lang beschattet und er schien großen Spaß dabei zu haben. Niemand von den Untoten wusste, was er vor seinem Tod für einen Beruf ausgeübt hatte, aber es würde mich nicht wundern, wenn es etwas in dieser Richtung war. Er war zu professionell und geschickt, um nicht etliche Jahrzehnte Erfahrung in dem Tätigkeitsfeld zu haben. Dennoch bekam er keine neuen Informationen heraus. Marten war still und sehr vorsichtig geworden, hatte sich in sich selbst zurückgezogen und sprach kaum noch mit jemandem. Irgendwann beschloss Lena dann, dass er kein primäres Ziel mehr war.

Am Tag darauf kam Lukas aus der Bibliothek zurück, in der er sich zwei mal die Woche den Tag vertrieb. Es war gerade wieder so etwas wie ein Alltag in unserer kleinen Gemeinschaft eingekehrt. Lena hatte sogar begonnen, alles für einen Neuankömmling vorzubereiten, obwohl niemand eine Ahnung haben konnte, wie sie zu dieser Ahnung kam. Und in diese beruhigte, ausgeglichene und etwas vorfreudige Stimmung trat ein etwas blasser und deutlich ernster Lukas.

„Wusstet ihr, dass es jemanden gibt, der uns einmal untersucht hat?“

Exitus.jpg

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6 Gedanken zu „Exitus III

  1. Missy

    Oh Gott. Wunderschön. Ich mag wie du mit der Zeit umgehst, auch wenn ich manchmal dann die Abstände verliere. Aber ich mag die schlichte und nicht zu emotionale Art in der du die Szenerie beschreibst. Ich würde mich echt freuen wenn du das noch weiter führst.
    -Missy

    Gefällt 1 Person

    Antwort
  2. Pingback: Exitus IV | des Grafen Lesestunde

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