Exitus IV

Exitus Teil I, II und III

„Wusstet ihr, dass es jemanden gibt, der uns einmal untersucht hat?“
Nur Lena wirkte nicht heillos überrascht, als er von einem Dokument berichtete, dass ein Arzt über „Die genetische Anomalie der Irrtümer des Orakels“ verfasst hatte. Es war nicht regulär im Katalog der Bibliothek gelistet gewesen, sondern nur als Quelle in einem Artikel über Verschwörungstheorien angegeben gewesen. Es hatte ihn volle drei Sitzungen gekostet, das Original ausfindig zu machen. Der Titel allein hätte wohl ausgereicht, um bei den falschen Stellen gleich wegen Blasphemie angeklagt zu werden. Verleumdung des Orakels, darauf standen empfindliche Strafen. Und dann noch der Inhalt dieser Arbeit, die unterstellte, das Orakel könne sich irren … Im Unterschlupf wusste das jeder, doch es war eines der großen Geheimnisse ihrer Zeit.
„Ich habe den Arzt extra überprüft, gründlich. Er ist immer noch tätig, aber genießt den Ruf, sehr regierungsfreundlich zu sein. Vermutlich lebt er nur deswegen noch. Seine Argumentation ist dennoch sehr stimmig und er hat einige Untote direkt untersuchen können. Es gab mehr, als ich vermutet habe. Offenbar hat er wenigstens zehn Leute untersucht, von denen aber niemand mehr auffindbar ist.“
„Weiß ja, dass wir nicht alle gefunden haben. Guck mich ja immer um, aber wir haben ja kein verlässliches Suchraster oder Daten. Nur den Zufall. Will nicht wissen, was die da oben mit den armen Teufeln anstellen.“ Tom brummelte missmutig in seinen Bart. Er gefiel sich in seiner Rolle als Beobachter und der Umstand, dass jemand auch ihn beobachten könnte und etwas über ihn wusste, missfiel ihm massivst. Selime hingegen sah einen anderen Punkt.
„Also jemand in Regierungsnähe, und damit sicherlich auch die Regierung, weiß, dass wir existieren können. Was hält sie davon ab, nach uns zu suchen? Und was werden sie tun, wenn sie uns einmal gefunden haben?“
Plötzlich fühlte ich viele Augen auf mir ruhen. Die Frage, was sie davon abhielt, war bereits beantwortet: Nichts! Sie suchten ja bereits nach mir. Das war doch überhaupt der Grund, wieso ich die Straße seit Tagen nicht mehr betreten hatte und die meiste Zeit über hier unten verbrachte. Ich war es den anderen schuldig, keiner Polizeidrohne vor die Linse zu laufen und am besten auch keinem Spitzel. Inzwischen dürften genügend Leute mein Bild gesehen haben, als dass auch eine einfache Verkleidung nicht mehr sicher war.
Wir überlegten lange, was wir nun tun wollten. Einig waren wir uns nur darin, dass wir uns besser versteckt halten wollten. Der Unterschlupf war unsere Heimat, hier wohnten und lebten wir und niemand hatte einen besseren Ort für uns. Das durften wir nicht leichtfertig riskieren. Lena war es am Ende, die etwas beschloss, mehr für sich selbst, als für die Gruppe. Sie würde ihre Kontakte in den Behörden ausfragen, wer etwas wissen konnte und was. Diskret, wie immer, und so, dass nicht einmal die Befragten etwas davon mitbekommen würden. Bis dahin würden sie einfach ausharren müssen und das beste hoffen.
Und noch bevor wir alle vom Tisch aufgestanden waren, wurden die Karten erneut gemischt. Wer auch immer es war, der nach mir suchte, er hatte die Geduld verloren.

Jay hatte uns darauf aufmerksam gemacht, dass wir die Abendnachrichten gucken sollten, bevor er seine Bar aufgemacht hatte. Als ein Mann, der immer wenigstens ein Ohr am aktuellen Zeitgeschehen hatte, wusste er genau, dass etwas Spannendes für uns dabei war. Als ich die rauchenden Ruinen meines ehemaligen Arbeitsplatzes auf dem Bildschirm sah, wusste ich, dass es nur eine weitere Katastrophe sein konnte. Ein Bombenanschlag hatte den gesamten Komplex zum Einsturz gebracht und Dutzende unter sich begraben. Seit Jahrzehnten konnte es keinen solchen Terrorakt mehr gegeben haben. Selbst einen dringend Tatverdächtigen gab es bereits. Sein Fahndungsfoto kam zwar aus dem Archiv, aber er war von mehreren Zeugen am Tatort beobachtet worden. Die Bevölkerung war dazu angehalten, achtsam zu sein und verdächtige Personen direkt der Polizei zu melden.
Voller Unglauben starrten wir auf mein Foto, was vom Bildschirm aus frech in die Sofaecke grinste. Was für eine dreiste und offenkundige Lüge! Ich hatte keine Geschwister, die mir besonders ähnlich sahen. Niemand außer mir hatte in dieser Stadt dieses Gesicht, das wusste ich sicher. Genau so sicher wie die Tatsache, dass ich seit Tagen nicht mehr unter freiem Himmel war und ganz sicher auch nicht in einem Viertel, wo mich zwangsläufig Leute erkennen mussten. Zu allem Überfluss musste die Explosion stattgefunden haben, als wir alle gemeinsam gestern Abend am Tisch gesessen hatten. Also, ich, und all jene, die dort gerade als mögliche Komplizen aufgeführt wurden.
Niemand konnte diese Nacht schlafen. Der Unterschlupf fühlte sich an wie ein Ameisenhaufen oder ein Wespennest. Und das, obwohl alle in ihren Betten lagen und sich umher wälzten. Nur Lenas trippelnde Schritte hallten dann und wann durch den Flur. Sie schien nie zu schlafen und immer etwas zu tun zu haben. Selbst Tom würde wohl nicht sagen können, was es eigentlich war, zumal er auch die Nacht wieder im Freien verbrachte. Er war auf der Suche nach etwas, hatte aber niemandem Bescheid gegeben, nach was. Er würde erst am nächsten Morgen wieder auftauchen, missmutig und zerknirscht, aber mit frischen Brötchen und einer Visitenkarte.
Wirklich genießen konnten wir die Brötchen nicht, was echt schade war, denn sie waren sehr gut. Das Gleiche galt für den duftenden Kaffee, aber die Katerstimmung saß einfach zu tief. Sie alle fühlten den Griff einer Obrigkeit, der sie nicht länger vertrauen konnten und wollten. Das Schlimmste daran war nicht einmal, dass sie sich jetzt besser verstecken mussten. Es war eher, dass sie keine Ahnung hatten, weswegen ein solcher Aufwand betrieben wurde und selbst vor Toten nicht zurückgeschreckt wurde, nur um sie hier ausfindig zu machen.
So oder so hatte es den Effekt, dass wir uns alle bedeckter hielten, nur noch wenig hinaufgingen und Jay oder die Leute aus dem Restaurant die meisten Besorgungen für uns erledigen ließen. Ich war davon ausgegangen, dass ich mich die letzten Wochen gut versteckt gehalten hatte, aber es war erst jetzt, dass ich begriff, was „Schattendasein“ wirklich bedeutete.

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